Streitkultur mit Tradition
Mit großer Ernsthaftigkeit, aber auch spürbarer Begeisterung wurde am vergangenen Donnerstag der diesjährige Schulwettbewerb von „Jugend debattiert“ ausgetragen – und das in einem besonderen Jahr: Bereits zum zehnten Mal beteiligt sich unsere Schule an dem bundesweiten Projekt zur Förderung von Sprachkompetenz und demokratischer Streitkultur.
Rund 40 Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufen I und II nahmen am Wettbewerb teil. Bewertet wurden die Debatten von einer Schülerjury aus der 10. und 11. Jahrgangsstufe, die genau darauf aufpasste, wie klar, überzeugend und fair argumentiert wurde. Sie achteten dabei besonders auf Ausdrucksvermögen, Gesprächsfähigkeit, Sachkenntnis und Überzeugungskraft.
Die Teilnehmer der 9. Jahrgangsstufe debattierten zunächst die Frage, ob Schülerinnen und Schüler ihre Schule selbst putzen sollten. Die Befürworter argumentierten, dass man nur dann lerne, die eigene Schule wertzuschätzen, wenn man selbst Verantwortung übernehme. Wer selbst putze, gehe sorgfältiger mit Räumen und Mobiliar um und stärke zugleich den Zusammenhalt in der Schulfamilie. Die Gegenseite hielt dagegen, dass Schule in erster Linie ein Lernort sei und Unterrichtszeit nicht für Reinigungsarbeiten geopfert werden dürfe. Außerdem, so ein weiteres Argument, würden damit Arbeitsplätze von Reinigungskräften infrage gestellt.
Anschließend debattierten die Neuntklässler in der Finaldebatte über einen alljährlichen Schüleraustausch zwischen den alten und den neuen Bundesländern. Die Pro-Seite betonte, viele Jugendliche wüssten über den jeweils anderen Teil Deutschlands nur wenig und hätten oft noch Vorurteile im Kopf. Ein regelmäßiger Austausch könne helfen, diese abzubauen und den Zusammenhalt zu stärken. Die Contra-Seite wandte ein, dass der organisatorische und finanzielle Aufwand sehr hoch sei und nicht alle Schülerinnen und Schüler gleichermaßen davon profitieren würden. Stattdessen solle man bestehende Austauschprogramme gezielter ausbauen. Im Finale der Sekundarstufe I traten Yumna Aljasem, Laura Scheffner, Charlotte Reuter und Kristanna Eyrainer an.
Noch grundsätzlicher wurde in der Sekundarstufe II diskutiert. Beim Thema elternunabhängiges BAföG machten die Befürworter deutlich, dass die Studienwahl oft noch immer stark vom Geldbeutel der Eltern abhänge. Ein unabhängiges BAföG könne echte Chancengerechtigkeit schaffen und mehr junge Menschen ermutigen, ein Studium aufzunehmen. Die Gegenseite hielt dagegen, dass staatliche Unterstützung gezielt denen zugutekommen müsse, die sie wirklich brauchen, und dass die Kosten für den Staat sonst kaum zu stemmen seien.
Besonders engagiert verlief auch die Finaldebatte über die Einführung einer allgemeinen Dienstpflicht für Jugendliche. In dieser verteidigten Raphael Wild, Moritz Schmidt, Viktoria Miltschitzky und Emily Stierstorfer ihre zugelosten Positionen. Die Pro-Seite sah darin eine große Chance, den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken und jungen Menschen Einblicke in soziale, ökologische oder kulturelle Arbeitsbereiche zu geben. Außerdem, so wurde argumentiert, könne ein solches Jahr bei der Orientierung für den späteren Berufsweg helfen. Die Contra-Seite betonte hingegen, dass eine Dienstpflicht ein starker Eingriff in die persönliche Freiheit sei und echtes Engagement nicht durch Zwang entstehe. Wer sich freiwillig engagiere, sei am Ende motivierter als jemand, der dazu verpflichtet werde.
Dass der Wettbewerbstag so reibungslos ablaufen konnte, war auch dem Einsatz der betreuenden Lehrkräfte zu verdanken. Die Vorbereitung der Klassen, die Themenauswahl, das Einüben der Debattenformate und die Organisation des Wettbewerbstages sind hier dazuzurechnen. Seit nunmehr einem Jahrzehnt engagieren sich die Lehrkräfte Dr. Astrid Fernengel, Verena Kölnsperger und Susanne Bilecki dafür, ihren Schülerinnen und Schülern nicht nur rhetorische Fähigkeiten, sondern auch Urteilsvermögen und eine konstruktive Streitkultur zu vermitteln.
Der Wettbewerb zeigte eindrucksvoll, wie reflektiert und differenziert Jugendliche über gesellschaftliche Fragen diskutieren können. Nach zehn Jahren „Jugend debattiert“ am Gymnasium Ergolding ist klar: Hier geht es nicht nur ums Gewinnen, sondern um das Lernen, Zuhören und Überzeugen – mit Argumenten statt mit Lautstärke.
Dr. Astrid Fernengel, OStRin