Die Geschichte vor der Haustür – Landshut 1933 bis 1945

Vortrag Dr. Mario Tamme zum Thema Landshut im Nationalsozialismus

Vor kurzem referierte Herr Dr. Mario Tamme vom Stadtarchiv Landshut vor den Schüler*innen der Q11 des Gymnasiums Ergolding über das Thema Landshut im Nationalsozialismus.

Seinen Ausführungen stellte Herr Tamme seine tiefe Bestürzung über den Krieg in der Ukraine voran. Und auch während seines Vortrages schlug er immer wieder einen Bogen zum Krieg in der Ukraine. So täuscht der heutige Aggressor ähnlich wie beim deutschen Überfall auf Polen im Jahr 1939 vor, dass eine Bevölkerungsminderheit entrechtet und von Völkermord bedroht sei. In seinem Vortrag über die Zeit von 1933-1945 mit dem Fokus auf Landshut informierte der Historiker darüber, dass bereits mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 298 Personen, Mitglieder der Parteien KPD, SPD und auch der BVP, in „Schutzhaft“, so von den Nationalsozialisten bezeichnet, genommen worden seien.

Das Schicksal der 48 Juden, die zu Beginn der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts in Landshut lebten, zeigte Mario Tamme am Beispiel der fünfköpfigen Familie Wittmann auf, indem er darlegte, wie das Leben dieser jüdischen Familie und auch anderer Juden eingeschränkt wurde, welchen Drangsalierungen sie ausgesetzt waren und wie sie von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Hugo und Betty Wittmann und ihren drei Kindern im Alter von 16 bis 21 Jahren war eine Emigration nicht möglich gewesen, sie wurden zusammen mit anderen zum damaligen Zeitpunkt noch in Landshut lebenden Juden am 3. April 1942 in das Durchgangslager Piaski deportiert. Ob die Nationalsozialisten sie noch weiter in das Vernichtungslager Belzec verschleppten, lässt sich nicht mehr ermitteln. Bis September 1942 aber dürfte kein Familienmitglied mehr am Leben gewesen sein.

Die drei Geschwister Gertrud, Hans Johann und Luise Lotte Wittmann.

Anhand eines Bildes, auf dem Häftlinge zu sehen sind, die die Trümmer des bombardierten Bahnhofs in Landshut beseitigen, wies Mario Tamme auf die Geschichte des Außenlagers Landshut hin. Dieses Außenlager des Konzentrationslagers Dachau existierte vom Dezember 1944 bis zum 6. Februar 1945, während dieser Zeit kamen 83 Häftlinge aufgrund der katastrophalen Umstände ums Leben oder wurden ermordet. Als Erinnerung an die Opfer des Außenlagers befindet sich auf dem Friedhof Achdorf an der Stelle des Massengrabes, in das die Opfer zunächst gelegt worden waren, eine von Schüler*innen eines P-Seminars initiierte und von dem Künstler Mario Schoßer geschaffene Gedenkeinheit.

Herr Dr. Tamme informierte zudem über die damals zunehmende Anzahl von politischen Gefangenen in Landshut. Von den 980 Aufnahmen von Häftlingen, wie sie für das Jahr 1944 im Gefangenenbuch des Landshuter Gefängnisses genannt werden, galten zwei Drittel als „Schutzhäftlinge“ und waren aus politischen Gründen inhaftiert worden. Darunter befand sich auch Luise Graf, eine Zeugin Jehovas. Sie saß in Untersuchungshaft, da sie versucht hatte, ihrem im KZ Ravensbrück inhaftierten Mann verbotene religiöse Schriften zukommen zu lassen. Im Oktober 1944 wurde Luise Graf in Berlin Plötzensee von den Nationalsozialisten hingerichtet. Auch auf die Bombenangriffe auf Landshut und die in der Landshuter Bevölkerung zu verzeichnenden Opfer ging Herr Tamme ein. Durch Zerstörungen während des Zweiten Weltkrieges in München hatte der Landshuter Bahnhof als Verkehrsknotenpunkt an Bedeutung gewonnen. Daher kam es auch zur Bombardierung des Bahnhofs im Dezember 1944. Insbesondere wurde auf den Angriff auf die Stadt vom 19. März 1945 verwiesen, bei dem es mehr als 200 Todesopfer gegeben hat.

Seinen Vortrag beendete Herr Tamme mit der Schilderung der Situation während der Befreiung, als die Landshuter Bevölkerung aufs Land flüchten musste und, wie Bilder vom 8. Mai 1945 zeigen, als amerikanische Panzer durch Landshut fuhren.

Amerikanische Panzer rollen am 08. Mai 1945 durch die Stethaimer Straße in Landshut. Quelle: 284th Combat Engineer Battalion Mikel Shiling.

Mit diesem umfassenden Blick auf Landshut im Nationalsozialismus, für den die Jugendlichen mit interessierten Fragen und einem kräftigen Applaus dankten, wird es den Schüler*innen ermöglicht, Orte aus ihrer Umgebung in ihrer Bedeutung für die Vergangenheit zu erkennen und noch viel wichtiger anhand einzelner Schicksale ihr Wissen über diese Zeit zu vertiefen. Denn, so lässt sich ein Fazit ziehen, dieser Teil der Geschichte muss immer wieder aufgearbeitet werden, damit dies nie wieder geschieht, damit die nachfolgenden Generationen nicht erneut zu Tätern werden.

OStRin Heidi Fischer

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